Freiheit und Zensur
geschrieben am 25. Juli 2006 von dobschat, kategorie(n): dobschat, Politik, privat, tags: dobschat, Politik, privat, zeuchAn sich leben wir in einem freien Land. Wir haben Rede-, Meinungs- und Pressefreiheit, die vom Grundgesetz geschützt werden. Aber machmal gibt es Menschen, die lieber eine Zensur hätten. Natürlich sagen sie das nicht so, schließlich ist Zensur ja böse. Man verkleidet diese Zensur. Gern als Verkleidung verwendet wird Moral. Das funktioniert fast immer. Vor allem, wenn man es mit Menschen zu tun hat, die eine andere Meinung vertreten. Man muss sich nicht mit Argumenten auseinander setzen, man bezeichnet die Meinungen und Forderungen der Gegenseite einfach als moralisch zutiefst verwerflich – fertig. Ja, so einfach kann man es sich machen.
So einfach macht man es sich zum Beispiel hier: Aktion-gegen-Kinderpornographie.de.
Worum geht es? In den Niederlanden möchten Pädophile eine Partei gründen und sich schon 2007 bei Wahlen bewerben. Diese Partei vertritt einige Forderungen, die nicht wirklich mehrheitsfähig sind. Sie wollen z.B. den Sex zwischen Kindern ab 12 Jahren und Erwachsenen legalisieren (wenn das Kind einverstanden ist) und wenn es nach denen geht dürften auch schon 16jährige – natürlich nur freiwillig – in Pornos mitwirken. Man kann über solche Forderungen diskutieren, man kann sie befürworten oder dagegen sein. Aber was absolut hirnrissig ist: zu versuchen in Deutschland 1 Millionen Unterschriften gegen eine Parteigründung in den Niederlanden zu sammeln! Und selbst wenn eine solche Partei in Deutschland gegründet werden sollte: ein Verbot wäre nicht sinnvoll.
Kinderpornos sind meiner Meinung nach zurecht verboten, wie auch der Sex mit Kindern. Keine Frage. Soweit decken sich meine Ansichten und Werte mit denen der Initiatoren dieser Aktion. Aber ein Parteiverbot passt nicht in eine freie Gesellschaft, das wäre einfach nur Zensur! Und Zensur funktioniert nicht – Meinungen und Gesinnungen kann man nicht verbieten. Eine freie Gesellschaft muss und kann mit kontroversen Meinungen umgehen – dabei gibt es natürlich Grenzen. Es gibt gute Gründe Organisationen zu verbieten, deren Ziel die Abschaffung unserer freien und demokratischen Gesellschaft ist. Aber “unmoralische Ziele” alleine sind kein Grund für ein Verbot. Nein, wirklich nicht. Und vor allem können moralische Werte nicht als absoluter Maßstab verwendet werden, dazu ändern sich Moralvorstellungen viel zu schnell…
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Einmal, grossen Dank fuer den Text, die zu dissen ist ueberfaellig, und ich aerger mich grade, dass ichs iirc allenfalls mal in ner Boarddiskussion tat.
Mit Missi baute ich vor einiger Zeit mal diesen Text, von dem ich jetzt einfach mal hoffe, dass mir das nicht als Egofickerei und Eigenwerbung ausgelegt wird, aber der ist mir lieb und teuer. Wenn die ganzen Netzaktionen wenigstens zu was gut waeren, aber dem Netz bringts nichts und den Kindern, fuerchte ich, erweist man allenfalls einen Baerendienst.
@ Korrupt: Das Dissen hab ich an deiner Stelle schon in etlichen Mails übernommen, da viele Menschen in meinem Umfeld der Meinung waren, mich auf diesen Blödsinn (sorry for that) hinzuweisen. Und das nur, weil meine Frau und meinereiner bei einem Verein (gegen-mißbrauch e.V.) mitwirken. Von dessen Betreibern kam auch recht prompt die Antwort, das oben genannte Aktion mehr als nur kontraproduktiv ist.
Die Diskussion für und wider dieser Partei haben wir hier im Haus auch in stundenlangen Gesprächen geführt und ich kann mich da auch nur dem Carsten anschliessen und mich für diesen Text bedanken.
Ich denke auch, Meinungen zu verbieten verhindert Taten nicht. Aber sie zu erlauben zwingt die, die anderer Meinung sind, sich damit auseinanderzusetzen. Das finde ich ist das Gute an Meinungsfreiheit.
@Korrupt: bitte, gern
Und bloss nicht ärgern, ist nicht nötig. Euer Text gefällt mir im übrigen auch sehr gut und ich sehe den Hinweis nicht als “Egofickerei”, er passt doch genau zum Thema.
@Falk: auch bitte
@SunshineLady: das ist das Gute, aber viele halten es eben auch einfach für zu anstrengend und sie versuchen es lieber, unliebsame Meinungen zu unterdrücken… nachvollziehbar, aber definitiv der falsche Weg.
Das ist genau das Problem, mit Moral betreibt man Bauernfängerei. Aber im Ernst: Mit 16,17 vielleicht sogar mit 18 hätte ich mich auch noch von so einer Aktion hinreissen lassen, weil das Gedankenspektrum einfach noch nicht eine solche Breite erreicht hat. Nur wie bringen wir das den Menschen, die diese Aktion befürworten, richtig bei?
Ich denke dein Text macht es sehr gut, schön vorsichtig herangetastet. Aber andererseits wird es nicht leicht die meisten Leute davon zu überzeugen, statt bei so einer Scheinaktion ne Unterschrift abzugeben, für Vereine zu spenden, die sich wirklich mit dem Problem beschäftigen und Taten folgen lassen.
Oh weh, spannende Frage. Wie bringt man irgendwas irgendjemandem bei? Keine Ahnung – vielleicht liest ja der eine oder andere, der dort “unterschrieben” hat meinen Text und die Kommentare hier und fängt an darüber nachzudenken. Das wäre schon mal ein riesiger Schritt. Aber jemanden überzeugen?
Man kann argumentieren und diskutieren, aber man kann niemanden einfach zwingen, die eigene Meinung zu teilen, egal für wie richtig man sie hält.
Und Überzeugungsarbeit ist anstrengend und langwierig… und funktioniert nur bei Menschen, die prinzipiell dafür aufgeschlossen und fähig sind, sich überzeugen zu lassen. Es soll ja Menschen geben, deren Meinungen so fest gefahren sind, dass da einfache Realitäten nichts ändern können. Andere sind einfach erkenntnisresistent.
Ein nettes Beispiel von realitätsresistenter Überzeugung hat mir kürzlich meine Mutter erzählt: mein Vater und sein Vater diskutierten über irgendwelche historischen Daten (habe mir nicht gemerkt welche, irgendwelche Geburtsjahre irgendwelcher wichtiger Persönlichkeiten, die vor ein paar hundert Jahren gelebt haben). Mein Vater hatte Recht und das sagte auch das Lexikon, welches für das Nachschlagen verwendet wurde. Darauf sein Vater sinngemäß: “Na das Lexikon ist ja schon einige Jahre alt, es gibt doch schon längst mehrere neuere Auflagen”…
Carsten bringts mal wieder auf den Punkt – die Angelegenheit, Menschen zum tatsächlichen Nachdenken zu bewegen, ist eine sehr sehr schwierige und langwierige. Vor allem dann noch, wenn das Thema selbst emotional aufgeladen daherkommt. Sei es jetzt Kindesmißbrauch, Pädophile (und nein, nicht jeder ist gleichzeitig ein Kinderschänder) oder ähnlich gelagerte Dinge. Da meinen es viele ja wirklich nur gut und merken aber nicht, das sie damit niemandem helfen und oft sogar im Gegenteil noch schaden. Und mal ehrlich – wär ich nicht quasi direkt betroffen (wers wissen mag, kann mich privat ansprechen), dann würde mir wahrscheinlich die nötige Sensibilität dafür einfach auch fehlen. Da hab ich Jahre für gebraucht, um mit sowas halbwegs neutral umzugehen und immer auch erst mehrere Seiten zu hören. Und trotz allem bleibt auch bei mir streckenweise nur Sprachlosigkeit übrig.
Oder ums mal ganz anders auszudrücken – welcher Vater eines Kindes zuckt bei dem Satz “Mein Papa hat *mit* mir geschlafen…” tatsächlich zusammen? Von einer 4jährigen erwartet man ja nicht, das sie *bei* und *mit* in dem Zusammenhang differenziert. Aber macht sich da sonst noch wer groß Gedanken drum?
@Falk: das mit den Aussagen von Kindern ist echt eine zweischneidige Sache. Auf der einen Seite muss und soll man genau hinhören, was Kinder sagen – sonst heisst es am Ende, man hätte ja nur dem Kind glauben und handeln müssen. Problematisch wird es aber genau dann, wenn Laien zu genau zuhören und selber interpretieren… Du bringst da genau das richtige Beispiel. Und es gab ja durchaus schon den einen oder anderen Fall einer regelrechten Hexenjagd auf angebliche Kinderschänder, die nur aufgrund einer falsch verstandenen oder überbewerteten Aussage eines Kindes anfingen… Und so was passiert eben gerade weil das Thema emotional so aufgeladen ist. Nix gegen Emotionen – habe ja selber einen ganzen Haufen
– aber viel zu oft schaden Emotionen nur…
Wie so oft: die Lösung gibt es einfach nicht, aber viele, die genau die versprechen…
Ich drücks mal ganz krass aus – als nichts anderes empfind ich diese arg seltsam anmutende Petitionsliste(?). Denn das der Urheber dieses Stückchens Dummfug sich wirklich mit solchen Themen intensiv beschäftigt hat und im Zweifel Fachleute um Rat gefragt hat, das wage ich mal mehr als nur zu bezweifeln.
Weiter oben kam auch schon das Thema, wie Leute richtig sensibilisieren und eventuell Vereine mit Geldmitteln unterstützen. Ich mach da grad mal ganz schamlos (Eigen)werbung: http://www.missbraucht.de/
Und der Unterschied liegt schon allein darin, das dieser EV nicht *nur* im Netz stattfindet, sondern im wirklichen Leben.
Jo, das mit der Überzeugunsarbeit is so eine Sache. Aber ich hab das Gefühl, dieses Blogdings
kann sehr viel Einfluss nehmen bzw. viele Menschen erreichen. Und wieso dann nicht seine Überzeugungen gut darlegen um so etwas zu erreichen?
Viel wichtiger wäre es allerdings, diese (wie du schon erwähnt hast) festgefahrenen Personen dazu zu bewegen sich loszureissen, offener zu werden. Aber wie soll man das den Menschen vermitteln? Eigentlich gar nicht, das muss ja jeder für sich selbst wissen. Aber ich hab irgendwie immer dieses unglaubliche Untätigkeitsgefühl. Das Gefühl, ich könnte was ändern, strenge mich aber nicht genug an. Das führt aber vermutlich zum fast schon fanatischen überzeugen-wollen und bringt auch nichts.
Hach, ich Pseudo-Weltverbesserer bin verwirrt…
@Falk: sinnvolle Werbung ist hier immer erlaubt
@SirDregan: ja, dieses blöde Gefühl kenne ich auch… nur zu gut… ich glaube aber es ist ganz normal
Man darf sich nur nicht zu sehr davon beeinflussen lassen 