Piraten: Dieter Bohlen ist der beste Musiker Deutschlands

geschrieben am 9. Februar 2011 von , kategorie(n): Allgemein, tags: , ,
Piratige Kulturförderung?

Piratige Kulturförderung?

Okay, vielleicht nicht der beste Musiker, aber zumindest einer der Besten. Und es sagen ja auch nicht alle Piraten und so ganz direkt will es wahrscheinlich auch keiner sagen, aber wenn man die Argumentation einiger Piraten in den Kommentaren bei Mela logisch weiter denkt, dann stellt man fest, dass Dieter Bohlen wohl der beste Musiker/Songschreiber/Produzent Deutschlands sein muss…

Das Ziel, um das es diesen Piraten geht: 10 Jahre nach Erstveröffentlichung sollen die exklusiven Verwertungsrechte für die Urheber weg fallen, es soll also z.B. 10 Jahre nach einer Erstveröffentlichung jeder ein Buch nehmen können und es selbst nachdrucken und verschenken oder auch verkaufen dürfen und der Autor bekommt dafür nichts.

Die Argumentation dafür: Bald würde eh nur noch digital vertrieben, damit würden viele Kosten der physikalischen Produktion und des Vertriebs weg fallen und wer es nicht schafft innerhalb von 10 Jahren genug Geld mit seinem Werk zu verdienen, der hat halt Pech gehabt, am Markt vorbei geschrieben. Pech. Künstlerpech, um genau zu sein.

Aber warum 10 Jahre warten? Warum müssen nicht Filme, Musik und Texte vom ersten Tag an kostenlos verteilt werden? Das wäre es doch – wenn die Sachen wirklich gut sind, dann werden schließlich reichlich Menschen Schlange stehen, um freiwillig dafür zu bezahlen.

Und jetzt mal die Ironie weg packen und eine ganz ernsthafte Frage: Möchte wirklich irgendjemand in einer Welt leben, in der nur noch Musik geschrieben wird, die sich schnell und gut verkauft? In der nur noch Bücher nach Standardschema geschrieben werden? Glaubt denn wirklich einer der Befürworter der „Enteignung“ der Kreativen ernsthaft daran, dass es in irgendeiner Form der kulturellen Vielfalt und Entwicklung dient, wenn Künstler nicht mehr Kunst schaffen, sondern kunstähnliche Produkte, die sich möglichst schnell verkaufen lassen? Wie viele Songs wurden erst Jahre nach der Erstveröffentlichung von einer größeren Zahl an Menschen entdeckt? Wie viele Bücher haben sich erst nach Jahren durch einen Film auf deren Grundlage wirklich gut verkauft? Wollen die mir echt erzählen, dass kommerzieller Erfolg, also Masse, gleichbedeutend ist mit künstlerischer Qualität? Ist also RTL die Krone der kreativen und künstlerischen Leistungen in diesem Land rund um bewegte Bilder? Dieter Bohlen der beste Musiker Deutschlands – neben den ganzen Volksmusikanten? Der aktuelle Jamba-Klingelton-Song ist das beste Lied aller Zeiten – bis der nächste Klingelton in Dauerrotation durch die Werbeblöcke geprügelt wird? Ist das wirklich so? Die schaffen also echte Kunst, deren Werke sind „gut“, weil sie eben von vielen Menschen gekauft und konsumiert werden? Und gilt das dann auch für andere Werke nicht-materieller Art, wie Software? Ist Windows das Beste aller Betriebssysteme? Die BILD die beste Zeitung Deutschlands?

Und die Jungs aus der kleinen Band aus Eurem Ort, die sich seit Jahren den Arsch abspielen mit eigenen Songs, aber nicht weiter kommen, weil sie kaum noch Gelegenheiten haben für mehr als einen Kasten Bier zu spielen, na die sind halt einfach zu schlecht? Und falls zufällig dann nach 12 Jahren jemand mit genügend Geld ein Demo dieser Band in die Hand bekommt, darin Potential sieht, anfängt Werbung zu machen, die Songs zu verkaufen (sind ja 10 Jahre rum) und dadurch reich wird, dann liegt das an was bitte? Nach der 10-Jahre-müssen-reichen-Argumentation ist die Band ja einfach nur schlecht und deren Songs taugen nix, weil sie 10 Jahre lang nichts daran verdient haben. Der Typ, der dann aber 12 Jahre später die Songs nimmt und erfolgreich verkauft ist gut, weil…? Weil er Geld hat und entsprechend Werbung machen kann?

Zumindest eines muss man den Piraten zugute halten, sie haben ein Problem richtig erkannt: Das aktuelle Urheberrecht behindert die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft, egal ob es um technischen Fortschritt oder um Kunst und Kultur geht. Soweit stimmt das. Dann kommt aber schon der erste Irrtum: Kopieren würde uns weiter bringen. Falsch. Kopieren bringt nichts und niemanden weiter. Wie bringt es die Kultur weiter, wenn ich mir ein eBook kopiere? Gar nicht. Es bringt auch mich nicht weiter. Nur die die Verbreitung des Wissens, der Ideen, der Gedanken, die in diesem Buch aufgeschrieben wurden bringt uns weiter. Weiter bringt es uns, wenn dieser Inhalt als Grundlage verwendet wird um weiter zu denken, darüber zu diskutieren und zu streiten, eigene Ideen auf der Grundlage anderer Ideen zu entwickeln, sich von den Ideen anderer inspirieren zu lassen und dann etwas neues auf dieser Grundlage zu schaffen. Aber das reine Kopieren führt nicht zu neuen Ideen. Das reine Kopieren erzeugt nur leblose Abbilder. Kultur ist mehr, als möglichst viele MP3s auf der Festplatte zu haben. Kultur muss erlebt werden, muss gelebt werden, muss aktiv gestaltet werden.

Und ja, ich bekomme das Kotzen, wenn Leute irgendwas von „Kultur fördern“ erzählen, die sich am Ende doch nur ohne Risiken und umsonst bedienen wollen. Und nein, ich denke nicht, dass durch eine plötzliche freie Verfügbarkeit gewaltiger Mengen an Songs, Filmen und Büchern auf einmal die große Mehrheit der Konsumenten schlagartig zu Produzenten wandeln würde. Warum denn auch? Vor lauter Konsum hätten die doch gar keine Zeit mehr, etwas eigenes (egal von wem inspiriert) zu schaffen.

Natürlich ist das mit dem Urheberrecht nicht einfach und es muss einiges geändert werden, aber einfach mal so den pauschal Urhebern nach 10 Jahren die Rechte weg zu nehmen kann keine Lösung sein, da ist es keine Frage von 10 oder 20 Jahren. Wenn das die Antwort der Piraten auf die Probleme mit dem aktuellen Urheberrecht ist, dann sollten sich die Piraten mal ernsthaft damit befassen überhaupt mal die richtigen Fragen zu stellen, daran scheint es ja doch massiv zu fehlen…

Und nein, ich habe sicher auch kein Patentrezept (haha) und sicher müssen Verwertungsrechte nicht auch noch vererbt werden können oder zumindest nicht 50 oder mehr Jahre nach dem Tod des Urhebers noch gelten. Auch müssen klare Rahmenbedingungen für Nutzungsarten her, die so gerne als „Fair Use“ bezeichnet werden, es müssen einfache Regeln her für nicht-kommerzielle Nutzung und (auch kommerzielle) Remixes. Privatkopien müssen gesetzlich gestärkt werden, wir brauchen ein Recht auf Privatkopie und es muss damit aufgehört werden, kleinste Urheberrechtsverletzungen immer stärker bestrafen zu wollen (ganz zu schweigen von so Krampf wie Internetverbot für Urheberrechtsverletzungen). Es muss vielleicht auch eine Art „Verwertungspflicht“ geben, an die die Verwertungsrechte gekoppelt wird (ähnlich bei Marken, die man ja auch irgendwann mal nutzen und die man verteidigen muss). Spricht ja nichts dagegen, dass Werke freigegeben werden, wenn die Rechteinhaber sie jahrelang nur noch im Keller verrotten lassen, statt sie weiterhin anzubieten. Man merkt schon, es ist nicht einfach und dabei gibt es noch viel mehr Themen, die da mit dazu gehören, sei es der Zugriff auf wissenschaftliche Arbeiten, die Patentierung von Tieren und Pflanzen und anderer Patentirrsinn…

Übrigens schön, wenn Befürworter dieser 10-Jahre-Forderung dann schreiben:

Im Falle von Büchern, Musik usw. werden die Autoren / Interpreten ja aber nicht überflüssig. Sie leisten ja immer noch die gleiche Arbeit. Und müssen das auch weiterhin tun.

Was sich aber ändert ist das Umfeld dieser Arbeit, die Art und Weise, wie sie ihr Leben mit dieser Arbeit finanzieren können.

Eine nette und harmlos Umschreibung für „Schreibt gefälligst weiter Eure Bücher und Songs und lebt damit, dass wir Eure eh schon nicht so guten Möglichkeiten davon zu leben durch die massive Verkürzung von Schutzfristen noch weiter verschlechtern wollen!“.

So viel Text mitten in der Nacht geschrieben, dabei wollte ich doch eigentlich nur kurz kommentieren und schon längst schlafen…

Update: Jetzt habe ich doch fast das wichtigste überhaupt vergessen. Disclosure: Ja, ich schreibe selbst an einem Buch und zwar für einen Verlag und natürlich hätte ich ja dann doch gerne, dass von dem Buch ein paar Stücke verkauft werden, so dass zumindest die ganzen Kosten wieder rein kommen (alleine was da an Fahrerei und Übernachtungskosten für die Recherche anfällt). Ein paar Euro darüber hinaus um den Kühlschrank zu füllen wären natürlich auch ganz prima und wenn das dann auch noch schnell geht und keine 10 Jahre dauert, dann wäre das natürlich noch viel primaer… Und selbst wenn ich mich schon nach einem Jahr dumm und dämlich verdient hätte, würde ich z.B. nicht wollen, dass nach 10 Jahren jeder daher kommen und ohne eigene Leistung mit dem Verkauf des Buches Geld verdienen könnte, ohne mich daran zu beteiligen. Auf der anderen Seite würde ich aber auch dafür sorgen wollen, dass das Buch weiter verfügbar bleibt (z.B. als kostenloses eBook), selbst wenn es sich für den Verlag irgendwann nicht mehr lohnen sollte, es weiter zu verkaufen…


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